Landschaften von Dieter Bernhardt

Ein Essay von Clemens Jöckle

Der unwiderstehliche Drang in fremde Welten führt bei künstlerisch sensiblen Menschen bei aller Vermehrung von Wissen und Erfahrung in erster Linie zu einer gefühlsmäßigen Auseinandersetzung mit neuen Eindrücken, die zur Lösung gestalterischer Probleme herangezogen werden. So findet auch Dieter Bernhardt in der Malerei unter ihm neuartigen Impressionen zur formalen wir inhaltlichen Lösung der in den jeweiligen von ihm aufgegriffenen Motiven in der Landschaft enthaltenen Schwierigkeiten. Dabei kann durchaus das Versenken in das Wesen und den tektonischen Aufbau einmal im Vordergrund stehen, aber ebenso das spontane Erfassen des glücklichen Augenblicks, wenn etwa zwei mit bunt verpackten Lasten beladene Esel auf einer engen Hafenstraße sich begegnen und der Künstler diesen Moment erlebt. Mit Zeichenstift und Aquarellfarben notiert er von seinem Segelboot aus das verwirrende Gewimmel von Hölzernen Hausfassaden, schmalen Treppen und herabhängender Wäsche im Hafen von Hydra und trägt exakt wie in einem Logbuch Breiten- und Längengrade, Datum und Motiv ein. (Abb. 1) Viele Erträge seiner Malerreisen brachte er auf Segeltörns ein, andere Ziele erlebte er als Bildungsreisender. Häufig beschäftigt er sich mit beiläufigem Geschehen, das spektakuläre Postkartenmotiv ist nicht sein Metier. Er gibt aber dem Detail eine große Form, ohne seine Erlebnisse und Begegnungen in und mit der Natur zu inszenieren, sondern er weiß aus dem anspruchslosen, selbst kargen Motiv eine ungeahnte Fülle subtieler Wahrnehmungen herauszuziehen. Besonders gelang ihm dies auf seiner Lieblingsinsel Sylt.

Sylt wurde seit dem 19. Jahrhundert zum Mekka der Maler - trotzdem wußte kaum einer derer, die als Gäste auf der Insel weilten von seinem Künstlerkollegen. Beginnend mit dem Holsteiner Hinrich Wrage (1843-1912), dem Friesen Hans Peter Feddersen(1848-1941) besuchten Eugen Dücker ( * 1841) und sein Freund Karl Irmer (* 1843) seit den 70er Jahren die Insel. (1) Hier fanden sie das unscheinbare Motiv, die Auswaschungen der Flut und die dem Wind ständig Trotzenden Sträucher, aber auch die Weite von Strand, Dünen und Wattenmeer. Nachsicht auf Strandgut, welches als Motiv zu Stilleben in freier Natur werden konnte und intime Blicke auf Grabenstege und Hausecken, die zu Idyllen wurden, verbinden sich mit dem über die unendlichen Weiten schweifenden Blick, der das gesehene vereinfacht und zur überschau zusammenfaßt und bei Feddersens Spätwerk zu expressivem Pathos geriet, wenn Küste, Strand und Meer zu einem machtvoll Schicksalhaftes beschwörenden Szenarium sich vereinigten.

Dieter Bernhardts auf Sylt entstandene Landschaften wenden sich den einfachen Dingen und Formen zu, die eine stille Poesie ausstrahlen und in den besten Arbeiten das Dingliche ihrer Erscheinung hinter sich lassen können. Ob der Maler von einem höhergelegenen Standpunkt aus einem Küstenstreifen mit vom Meerwasser getränkten Sand, das in die Landzunge vordringende und gegenüber von einer hügeligen Düne flankierte Wattenmeer mit seinem fahlgelben bis ockerbraunen und wässrig blauen Farbennuancen überblickt, wobei er den Horizont beinahe an den oberen Bildrand hinaufschiebt (Abb.2) oder seine Nase dicht auf dem Boden geheftet sinnend auf eine schmale Grasnarbe mitten in einer unwirtlichen Sanddüne stößt (Abb. 3) - der Künstler bannt sie mit Bleistift und Aquarellfarben auf ein Blatt Papier. Er hält fest, wie er Natur erlebt. Zeichnung und Aquarell bedingen einander und durchdringen sich wechselseitig. Bernhardt sucht die Schönheit in der Weite der Landschaft wie im kleinen Detail. Freilich ist Schönheitssuche angesichts des Zeitgeistes verdächtig - aber Dieter Bernhardt verweigert sich jedem modischen Trend, den andere für aktuell halten, bleibt daher sich selbst konzequent treu und kann zweifellos zeitlos Gültiges schaffen. Seine Bilder auf Sylt stehen in der Tradition der Sylter Landschaftsmalerei, die sich zwar nicht einordnen lässt, aber ihre Charakteristika durch die Gestalt der Insel und Ihre Naturformen bezieht.

Bernhardts Dünenlandschaften auf Sylt geraten so halb zu Fundstücken, halb zu Träumen. Meer, Land und Himmel klingen farblich zusammen. Der rauhen Brandung stehen die stillen Sielen des Wattenmeers gegenüber. Neben diesem ockergelben nassen Sand ermöglicht auf dem Meer verdunstende und dann als Regen niedergehende Feuchtigkeit vor den Dünen schmale Zonen mit Graßflecken, deren Hartgräser gegen das salzige Meereswasser resistend sind. Eine wundersame Wandlung vollzieht sich in den Bildern mit diesem Gras, wenn Bernhardt die mit dürftigen Bleistiftstrichen angedeuteten Gräser samt ihrer sparsamen Aquarelllierung inmitten sich ausbreitender öde als Widerstand des Lebens gegen die Wüste ansieht. Ein derartiges Blatt ruft zugleich mikrokosmische Assoziationen hervor, weil diese Gräser auch seltsam geformte Pantoffeltierchen oder sonstige Kleinstlebewesen sein könnten, die sich in einer fließenden Lache tummeln. Weiter entfernt zeigen sich im Hintergrund auf einem leicht ansteigenden Hügel niedrige, dicht aneinandergestellte krüppelhafte Bäume, und verkrüppelten, weil sie mit Wucht getroffen wurden.

Im Gegensatz zu den aus Norddeutschland nach Sylt gereisten Malern, wie dem schon erwähnten Hans Peter Feddersen oder auch Wolfgang Klähn (* 1929) (2), der die Gegensätze von Unwirtlichkeit und Lebensbehauptung in der Natur ebenfalls in Sylter Landschaften aufgegriffen hat und auf dieser Insel überhaupt zur Landschaftsmalerei gefunden hat, dominiert bei Dieter Bernhardt der Himmel keineswegs die Landschaft und erweckt nicht die zündende Phantasie des Betrachters. Bei Bernhardt tut die Vegetation selbst, wenn die fremdartige Assoziationen ermöglicht. Bernhardt teilt aber mit diesem norddeutschen Künstler die Auffassung, dass ein Landschaftsbild Metapher für die Schilderung eines Kreislaufes der Natur werden kann.

Die Kohlezeichnungen Bernhardts, die um 1975 in der Umgebung von Norderney entstanden sind, gewinnen durch ihren kalligraphischen und dennoch kraftvollen Duktus neue Möglichkeiten der Landschaftsdarstellung Sylts ab. Es gelingt Dieter Bernhardt, die Vielfalt der gegeneinander strebenden Flächen Von Dünengrasnarben und Dünenhängen zu einer großzügig anmutenden, rhytmisch bewegten Gesamtkomposition zusammenzuziehen (Abb.4) und dabei jede cloissonistische Eingrenzung (3) durch den temperamentvollen Strich zu durchbrechen. Auch die eigentlich auf der ganzen Insel zu beobachtende sich schlangelnde Kurvatur, von der die Insel umziehenden Flutkante angefangen bis hin zu den Kraftlinien des Windes, die als Formationen im Dünensand eingeschrieben sind, gibt den Kohlezeichnungen ihre charakteristische Struktur.

Malt Bernhardt Architektur, so kommt der Architekt im Künstler zum Vorschein- ein Architekt freilich, der selbst in seinem Wohnhaus im pfälzischen Alsenbrück die Natur in seine Architektur holt oder sie ganz in der Natur aufgehen läßt. So bevorzugt er die im Nichts endenden Holzstege von den Häusern durch die Dünen. Dünen verwandelt er häufig in erstarrte Kaskaden, die statt vom Wasser überformt vom Wind gezeichnet worden sind. Das Harmoniebedürfnis manifestiert sich in seinen Bildern. Immer wieder faszinieren Dieter Bernhardts Windmühlen. Für ihn sind dies von seinem Standpunkt aus alternative Techniken, deren Funktionen ihn anregen und deren Konstruktionen er schildert, in Norddeutschland auf seinem geliebten Sylt und auf den griechischen Inseln, auf Santorin (Abb.5) oder in Lassithi auf Kreta (Abb.6) beispielsweise, wobei auf die Variationen der Windflügel und ihrer manuellen Technik sich das akribische, beinahe konstruktive Auge richtet, aber gerade in diesem Augenmerk den malerischen Moment besonders betont. Bernhardt scheut dabei nicht einen kleinen ironischen Seitenhieb, wenn er in dem Blatt von Santorin eine Stromleitung von der Windmühle an den Bildrand führt oder die Windmühlen wie monumentale Spinnenweben einsetzt, als ob sie den Betrachter in den Bereich kinetischer Kunstwerke führen sollten. Man darf diesen ästhetischen Reiz der technischen Denkmale nicht gering achten - hier geht es um mehr als um Idylle -hier sieht ein Künstler um den inneren Zusammenhang zwischen der ursprünglichen und der zivilisierten Natur. Bernhardt Bilder sind ein Versuch, das gestörte Verhältnis von Mensch und Natur wieder zu versöhnen. Seine Malerei hat einen apellativen Zug, denn er fordert auf, der Entfremdung der Entindividualisierung zu wiedersprechen. Deswegen protokolliert er nicht nur, sondern er demonstriert emsig, was von Ursprünglichkeit der Naturerfahrung in einer technisierten Welt noch an Spuren zu finden ist. Er kämpft um die Unverwechselbarkeit der Landschaften, er ringt um das jedem Landstrich eigene Licht und charakterisiert Straßenszenen und Häuseridyllen. Sylt ist dafür ein Beispiel, Griechenland nicht minder, denn Bernhardt hat eine Tugend nicht verlernt: Er bewundert, was er malt und schafft zu Bewunderndes.

1 = vgl. Ernst Schlee, Landschaftsmaler an Schleswig - Holsteins Küsten, Heide in Holstein 1975, S. 18 -19; Lilli Martius - Hans Jürgen Stubbe, der Maler Hans Feddersen, Neumünster 1966, Ernst Schlee, Malerauf Sylt, Flensburg 1962

2 = vgl. Wolfgang Klähn - Karin Szekessy, Sylt - ein Inselleben, Aquarelle, Zeichnungen, Fotografien hsg. und kommentiert von Thomas Gädecke, Dortmund 1988; Thomas Gädecke, Wolfgang Klähn, Recklinghausen 1990, S.40 ff.

3 = vgl. dazu etwa die Syltbilder von Joseph Vincent Cissarz: Abb. Bei Schlee (wieAnm.1), Abb.22

Clemens Jöckle